Sternenmütter lasst uns reden #3

Sternenmütter lasst uns reden #3

Servus! Da der Juni für mich anscheinend immer a bisserl explosiv ist und meine Themen betrifft, habe ich von der erholsamen Sonne noch nicht viel gesehen. Natürlich spielt das Wetter momentan bei uns im Süden von Österreich auch nicht gerade mit, den Sommer zu spüren. Jeden Tag ziehen ab Mittag dicke Wolken auf, die sich nachmittags als Regen entleeren. Das ist wenig hilfreich, wenn du schwierige, sprich traurige Themen zu bewältigen hast. Das sehr schwierige Thema für mich momentan ist das Volksbegehren „KEINE IMPFPFLICHT“, das mir sehr am Herzen liegt, weil ich noch viele Menschen in meinem Umfeld aufwecken möchte. Und das traurige Thema für mich momentan ist mein Sternenkind Benjamin, der am 25. Juni 2001, also gestern vor 21 Jahren, tot zur Welt kam. Sternenmütter lass uns reden #3 ist daher ein Blogpost in meiner Sternenkind-Reihe, die ich allen Frauen, aber auch Männern ans Herz <3 lege, die über ihren Verlust (noch) nicht sprechen konnten.

Reden – schreiben – tanzen oder malen

In meinen beiden Beiträgen Sternenmütter lasst uns reden und Sternenmütter lasst uns reden #2 habe ich dir von meinen traurigen Erlebnissen erzählt. Ich weiß natürlich, dass ich nicht alleine Sternenmama bin. Nein, im Gegenteil. Jede zweite bis dritte Frau auf dieser Welt erfährt solch ein tragisches Schicksal. Viele können beziehungsweise wollen nicht darüber reden. In der Gesellschaft kommen traurige Themen sowieso nicht vor. Die sozialen Medien berichten kaum über den plötzlichen Säuglingstod und schon gar nicht über Sternenkinder.

So hat es mich positiv gestimmt, als ich vor ein paar Wochen auf Instagram von einer Studentin des Nachhaltigen Designs angeschrieben wurde. Sie ist gerade bei ihrer Bachelorarbeit zum Thema Trauerbewältigung bei Fehlgeburten für Eltern und Kinder. Aus dieser Arbeit werden zwei Bücher entstehen, die die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern bei der Bewältigung ihres Schmerzes vereinfachen soll. Wie kommt sie zu mir? In dem ich mein Sternenkind Benjamin als ein Teil von mir sehe und dies in meinen Profilen auf den sozialen Kanälen nach außen zeige. Ich kann diese Lebenserfahrung gar nicht beiseite lassen. Durch diese Erfahrungen, die natürlich extrem traurig waren, bin ich der Mensch geworden, der ich jetzt bin.

Ich habe zwei Tage nach dem Tod meines Sohnes Benjamins begonnen, ein Tagebuch zu schreiben. Für mich war es sehr hilfreich. Es ist nicht gesagt, dass Schreiben deine beste Art ist, mit Trauer umzugehen. Die Trauerbewältigung im Allgemeinen hat viele Facetten. Wer seinen Körper bei Tanz einsetzen möchte, ist gut aufgehoben. Wer seine Gefühle mit Farben auf eine Leinwand oder Papier bringen möchte, hat dort die Möglichkeit alles hineinzulegen. Ob Schmerz, ob Kummer oder deine innersten Gefühle, das alles darf sein im Tanz, im Malen, im Schreiben UND im Gespräch. Hauptsache du kannst dich dabei spüren und es geht dir dabei gut. Natürlich ist reden auch hier Gold wert. Wenn du ein Gegenüber hast, welches noch aktiv zuhören kann, dann wäre es perfekt.

Was mir ebenso gut in dieser Zeit geholfen hat, war das Lesen von Literatur, die genau das gleiche Schicksal in Worte fasste. Frauen oder Familien, die ihr Kind (viel) zu früh verloren hatten. Daher sind Bücher, wie das oben gerade geschrieben wird, wertvoll zur Trauerbegleitung.

Sternenmütter lasst uns reden #3

Sternenmütter lasst uns reden #3

Immer wieder schwer – mein Weg zum Grab meines Sohnes Benjamin!

Wie war es bei mir? Damals, vor 21 Jahren? Da war das Thema von „zu früh verstorbenen Babys“ noch gar nicht für die Öffentlichkeit und kaum jemand konnte mit meiner Situation etwas anfangen. In meinem Tagebuch steht:

>> Die Stationsschwester kam während des Gesprächs mit dem Herrn Diakon in mein Zimmer. Ich wolle gleich zu ihr kommen, um mich zu verabschieden, sagte ich. Das tat ich, nachdem mit dem Diakon der nächste Termin für unser Gespräch fixiert war. Die Schwester wartete am Gang auf mich. So wollte ich es eigentlich gar nicht. Ich überreichte ihr dennoch die Süßigkeiten, sowie eine kleine Gabe für die Stationskaffeekassa und bedankte mich für alles mit dem Satz: „Es tut mir leid, dass ich Ihre Kolleginnen mit meiner Situation etwas überfordert habe.“ Sie erwiderte sofort, dass sie nicht überfordert gewesen wären, nur wollten sie mich nicht stören. Ich hätte viel Besuch gehabt und da wisse die Pflege halt nie so recht.

Gerne hätte ich ihr gesagt, dass ich die Überforderung des gesamten Personals in vielen Punkten gespürt habe. So zum Beispiel bei der Zuweisung zu meinem Zimmer. Mein Zimmer lag genau einen Stock oberhalb des Gebärsaals. Ich musste tagein tagaus und jede Nacht die Geburten von gesunden, schreienden Neugeborenen miterleben. Ich war aber zu schwach, um es all die Tage zu erwähnen und auch jetzt noch, konnte ich dies nicht in Worte fassen. Wo war die Empathie? Wo war das Gespür für mich und meine entsetzlich traurige Situation?

– + –

Wenn ich so nachdenke, war DGKS Eva-Maria die Einzige, die mit mir und meiner Situation zurecht kam. Leider war sie erst heute Vormittag in den Dienst gekommen. Sie war die Einzige, die es zu einem Gespräch mit mir schaffte. Alle anderen Pflegefachkräfte, die es aber sicherlich auch gut gemeint hatten, kamen über ein „Wie geht’s, äh ich meine körperlich?“ nicht hinaus. Ein „Danke, es geht!“ war meine Antwort und danach verließen sie wieder mein Zimmer.

– + –

DGKS Eva-Maria musste heute bei mir noch abschließend den Blutdruck messen und betrat daher mein Zimmer. Ich kam gerade aus der Toilette. Ich hatte wieder einmal geweint. Meine Schritte waren langsam, ich konnte nicht schneller, denn mein Bauch tat noch weh. Ich hielt unfreiwillig meinen linken Arm zur Messung entgegen. Mein Blick war tief, Tränen standen in meinen Augen. „Ist das ihr Töchterlein?“, fragte sie mich. Sie zeigte dabei auf Lauras Bild, welches auf meinem Nachtkästchen stand. Mein Vater hatte mir zwei wunderbare Fotos von unserem letzten Besuch bei ihm in Graz mitgebracht. Ich schaute sie mir oft an, wenn ich nicht mehr ein noch aus wusste. Aber in diesem Moment wusste ich nicht recht, wie ich reagieren sollte. Warum sollte ich über meine Tochter Laura sprechen, die gesund und munter in unserem Haus herumspringen würde. Ich liege nicht wegen ihr hier im Krankenhaus.

Doch es klappte! Ich konnte mich konzentrieren und erzählte wie alt sie ist, wie toll sie sei. DGKS Eva-Maria hatte ebenso eine Tochter. Sie sei bereits 2 Jahre alt und auch ihr Sonnenschein. Sie sei nach 14 Wochen Karenz wieder zur Arbeit gekommen, denn sie brauche diese. Ihre Mutter beziehungsweise ihr Partner würde dann auf das Töchterlein aufpassen. Acht Stunden pro Woche sei ganz okay.

– + –

Es war kurz still. Sie zeigte auf Benjamins Foto. Auch das hatte ich auf meinem Nachtkästchen stehen und sie fragte, ob es ein Bub oder ein Mädchen sei und wie er denn hieße. Ich konnte antworten. Ich konnte sprechen, ohne zu weinen. Zwar schossen mir Tränen in meine Augen, aber ich konnte an meinen Buben denken und von ihm sprechen, ohne gleich los zu heulen.

Ich weiß nicht, wer oder wie das Gespräch beendet wurde. Jedenfalls verspürte ich zum ersten Mal seit fünf Tagen eine kleine Erleichterung. Ich hatte an meine Laura gedacht und wieder Mut gefasst, auch wenn es nur für ein paar Sekunden war. Ich konnte über meinen toten Sohn Benjamin sprechen, ohne von all meinen Gefühlen überrannt zu werden. (Aus meinem Tagebuch: „Er allein“, 29.Juni 2001)

Sternenmütter lasst uns reden #3

Sternenmütter lasst uns reden #3

… und alle die uns zuhören wollen und können! In diesem Sinne wünsche ich dir in deinen traurigen Situationen ein Gegenüber, welches dich nicht nur fragt, wie es dir geht, sondern zuhören kann, wenn du deine Gefühle als Antwort aussprichst.

Wo wäre ich und was wäre ich, wenn ich diese letzten 21 Jahre nicht so durchlebt beziehungsweise erlebt hätte? Mein Schicksal wollte aber, dass ich diesen Weg gehe. Ich bin stark, ich bin dadurch stärker geworden und ich werde auch noch den Rest gut meistern. Ein Fall von Resilienz hätte ich gesagt! <3

Alles Liebe!

Deine

Martina Bacher

2 Kommentare zu „Sternenmütter lasst uns reden #3

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