Sternenmütter lasst uns reden #2

Servus! Danke, dass du heute wieder bei mir reinschaust und dir die Zeit nimmst. Ich hoffe, es geht dir gut, wo auch immer du gerade in der Welt bist. 🙂

Die letzten beiden Juniwochen sind für mich immer eine ganz komisch-eigenartige Zeit. Da kommt es Schlag auf Schlag! Einerseits bin ich dankbar und feier den erfolgreichen Abschluss meines USI-Sport-Semesters mit meinen Studierenden, andererseits bin ich zutiefst traurig, wenn der Sterbetag meines ungeborenen Sohnes Benjamin sich wie heute, am 25. Juni, jährt. Ein Auf und Ab, ein Hin und Her, wie du es vielleicht aus deinem Leben selbst kennst. Ich bin dann für nichts so richtig zu begeistern. Im Vorjahr habe ich zum ersten Mal dieses Sternenkinder – Sternenmütter – Thema angesprochen und sehr positives Feedback erhalten.

Hier der Link, falls du meine Geschichte vom Anfang an miterleben möchtest:

Sternenmütter lasst uns reden

Daher möchte ich daran festhalten und dir meine Geschichte weitererzählen, in der Hoffnung, deine Geschichte erträglicher zu machen. Wann immer du willst, erzähl hier im Blog oder persönlich in einem E-Mail von dir und deinem Sternen-Thema. Ich höre gerne zu.

Durch die Corona-Zeit ist das Thema Sterben und Tod in den letzten Wochen in der Öffentlichkeit drastisch gestiegen. „Jeder wird bald jemanden kennen, der an Corona verstorben ist…“ waren mahnende Worte eines unserer Politikers. So dramatisch ist es Gott-sei-Dank nicht geworden. Hierzulande! Aber wobei ich mir ganz, ganz sicher bin ist, dass jede und jeder da draußen von euch eine Frau kennt, die Sternenmama ist und ein Sternenkind zu beklagen hat. Warum?

Jede 2. Frau, einige Quellen sagen jede 3. Frau, ist eine Sternenmama, das heißt ihr Baby ist vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben. Für mich persönlich zählen alle unser Kinder dazu!! Und ich bin mir sicher, du hast mehr als drei Frauen in deinem Freundes- und Bekanntenkreis. Trotzdem ist es nach wie vor ein Tabu-Thema, von dem wir Frauen nicht reden sollen. Ich breche gerne dieses Tabu!

Ein zweiter Grund warum ich meine Geschichte erzähle ist #blacklivesmatter, Einem aufgeblähten Medienrummel, dem du dich momentan auf keinen sozialen Kanälen entziehen kannst. Jedes Leben zählt, auch das der Ungeborenen! Und Ungeborene haben wirklich keine Stimme! Ich möchte ihnen hiermit eine geben.

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Mein Gartenblumenstrauß für das Grab meines Sohnes Benjamin (25.6.2001) am heutigen Sterbetag.

Tagebuch vom 1. Juli 2001: … Ich zog mich an, nahm alles, was mich an Benjamin erinnerte mit und schlich mich aus dem Haus. Ich wollte unbedingt unbemerkt bleiben. Sollten sie doch alle glauben, ich sei brav im Bett, wie es R. mir nahelegte. Mit Herzklopfen schlüpfte ich in meine Schuhe und huschte durch die Türe. Den Badespaß der anderen konnte ich noch Kopf schüttelnd vernehmen und dann war ich auch schon in meinem Auto, startete es und fuhr schnellstens weg. Ich wollte jetzt absolut keine Erklärungen abgeben oder Diskussionen führen. Ich wollt einfach nur weg.

Im Auto fiel ich körperlich total zusammen. Ich konnte mich kaum konzentrieren. Ich fuhr einfach drauf los und hatte keine Ahnung wohin mich dieser Weg führen sollte. Wels lies ich hinter mir. Für immer und ewig? … Mein momentanes Ziel? Ich fand es nicht, doch fand ich stattdessen einen anderen Ort. Einen Ort, an dem ich den ganzen Nachmittag im Gras liegen und mein bisheriges Leben sich vor mir abspielen sollte. Es war also Zufall. Aber es hätte nicht schöner, nicht einzigartiger und nicht perfekter sein können.

Diese kleine, alte Kirche tat sich auf einem Hügel, im Sonnenlicht strahlend auf, wie der Himmel selbst. Weg von all dem Lärm der Autobahnstraße, weg vom Lärm der Gegenwart, ging ich das letzte Stück zu Fuß zur Kapelle. In der einen Hand meine Tasche, in der anderen Hand Benjamins Elefanten-Stofftier und ganz fest geklammert natürlich Benjamins Foto. Ich dachte, ich schaffe es keinen weiteren Schritt mehr vorwärts. Wie konnte es sein, dass ich meinen leeren, schweren Körper noch unter Kontrolle hatte und einen Fuß vor den anderen stellen konnte? Ich wäre zu gerne dort niedergebrochen und für immer dort verblieben. Wie konnte sich ein so zufriedenes Gefühl mit diesem tiefen Schmerz in mir vereinen? Diesen Moment in meinem Leben werde ich nie vergessen!

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Die Kapelle war geschlossen und meine Gefühlsempfindung schwankte von zufrieden innerhalb einer Sekunde in Verzweiflung. Ich wollte doch mit Gott hier und jetzt eine Aussprache! Nun verließen mich tatsächlich all meine Kräfte und ich sank zu Boden. Ich blieb im Gras liegen und meine Augen waren direkt dem Himmel zugewandt. Mein Schluchzen und Weinen wurde immer lauter und schmerzhafter. „Warum?“, „Warum?“, schrie ich hinaus. „Warum mein Benjamin? Ich kann ohne ihn nicht sein!“ – „Warum tust du mir das an, Gott?“ – „Was habe ich Böses getan, dass du mich so bestrafst?“ Ich kann mich jetzt nicht mehr erinnern, was ich dort, am Boden zerstört, alles aus meiner tiefsten Seele geschrien habe. Es tat aber gut! Meine Wut konnte jedoch nicht ganz besiegt werden. Es kamen aber ruhige, friedvollere Momente dazu, in denen ich meine wunderschöne Umgebung wahrnahm. Das Rauschen des Kornfeldes neben mir zum Beispiel. Das Spiel der Wolken, die hoch über meinem Kopf am Himmel tanzten, die angenehmen Sonnenstrahlen, die mich wärmten und immer wieder der beruhigende Blick auf dieses kleine Kirchlein neben mir, welches so weit weg von allem schien. Weit weg von meinem Schmerz. Mein Körper war ein einziges Gefühlschaos. Ein Blick auf Benjamins Foto ließ mich wieder in eine, meine tiefste, Schlucht stürzen, in der ich glaubte, umkommen zu müssen. Ich sah absolut keinen Weg, kein Licht in dieser absoluten Dunkelheit, die mich trotz hellem Sonnenstrahl umgab. Wer war es dann, der mir immer wieder die Hand hielt? Mich ein wenig stärkte? War es mein eigener Sohn, der mich rettete? Der Blick auf Benjamins Gesicht auf dem Foto in meiner Hand, die Musik von Benjamins Kuscheltier-Elefanten und der Gedanke an das Begräbnis am Donnerstag ließen mich am Leben. Aber nur körperlich, denn seelisch war ich in diesem Moment bereits tot. Ich konnte nichts mehr fühlen, ich wollte nichts mehr fühlen. Ich wollte eigentlich nur mehr schlafen. Gerne wäre ich dort im Gras liegen geblieben, mitten unter den Wiesenblumen. Wann tat ich das zum letzten Mal? Als Kind, als sorgenloses Kind! Könnte ich all das hier und jetzt auf dieser Welt eintauschen, gegen diese unbekümmerte Sorgenlosigkeit einer Kindheit, ich würde es sofort tun …

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Im Vorjahr habe ich mit Eric Claptons Songtext „Tears in Heaven“ meinen Blogpost geschlossen. Heute möchte ich dir eine Zeile von Robbie Williams Lied „She’s the One“ mitgeben. Umgetextet von R. wurde es ein perfekter Musikbeitrag beim Begräbnis meines Sohnes Benjamin und bis heute ist es ein wunderbarer, aber trauriger Begleiter in meinem Alltag. Also sei nicht erschrocken, wenn bei „She’s the One“ Tränen in meine Augen steigen.

Er allein 

Ich war du 
Du warst ich
Wir waren eins
Innerlich 
Und was ist entstanden
Nur aus uns zweien
Er allein 


Ich wünsche dir als Sternenmama viel Kraft an deinen speziellen Tagen. Möge die Sonne deine dunkelsten Seiten erhellen, sodass du wieder Licht erblicken kannst.

So wie ich es mit morgen wieder sehe!!

Martina

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